Journalismus und Traumata
Muss das sein, ein ganzes Zentrum, das sich der Pflege traumatisierter Journalisten widmet? "Das klingt ja sehr skeptisch. Aber diese Haltung bin ich gewohnt." Roger Simpson, Direktor des "Dart Center for Journalism and Trauma" an der Universität von Washington in Seattle, hat Pionierarbeit geleistet.
Seit fast zehn Jahren beschäftigt er sich mit dem Journalismus und Trauma, vor drei Jahren hat er von der Dart Foundation Geld bekommen, sich in seinem Fachbereich Journalistik gezielt damit zu befassen. Sein in den U.S.A. einzigartiges Zentrum bietet Ressourcen, Recherchehilfen, Seminare, Vorträge und Publikationen, aber keine psychotherapeutische Betreuung - wohl aber Vermittlung in solche.

Angefangen hat alles damit, dass er auf die Frage von Studenten nach dem Umgang mit traumatisierten Opfern keine gute Antwort wusste. Wie behandele ich als Journalist Frauen, die von ihren Männern geschlagen werden, Vergewaltigungsopfer, Brand-opfer? Er begann, mit Therapeuten und Beratungsstellen zu reden und das Wissen in seine Unterrichtsstunden einfließen zu lassen. Und je mehr daraus eine strukturierte Lektion wurde, mit der er auch in Redaktionen ging, desto klarer wurde ihm, dass auch Journalisten selber, die in traumatischen Situationen arbeiten, nicht ganz ohne Schäden davon kommen. Aber die Akzeptanz unter Journalisten war gering. "Vielleicht liegt es an den Charakteren, die in den Journalismus gehen. Die wollen tough sein und weisen jeglichen emotionalen Schaden zurück. Vor ein paar Jahren jedenfalls war die Abwehr groß, sich selber als Opfer der Umstände zu sehen."

Seit dem Anschlag auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma City im Jahre 1995 habe sich die Situation verändert. "Die Sensibilität der Redakteure im Umgang mit Opfern und auch mit den eigenen Kollegen, die sie in solche Situationen schicken, ist gewachsen." Der Bedarf an einem neuen Umgang mit Opfern und dem Berichten darüber entstand. Der Amoklauf von Columbine in Colorado, in dem zwei Schüler sinnlos Klassenkameraden niederschossen, war ein weiteres Ereignis, das Bedarf an Orientierungshilfe schuf.
Das Zentrum betreibt in eingeschränktem Maße auch Untersuchungen von Journalisten und konnte über die Jahre feststellen, dass ein kontinuierlicher Prozentsatz in der Berufsgruppe an klassischen Symptomen von posttraumatischen Stress-Syndromen leidet: Schlaflosigkeit, Verdrängung, Nervosität.

In einer Untersuchung von Kriegsreportern für das gemeinnützige Freedom Forum in Washington hat Anthony Feinstein von der Universität Toronto festgestellt, dass Kriegsjournalisten in höherem Maße harte Drogen nehmen und trinken sowie unter Depression und Angstzuständen leiden. Das Maß an posttraumatischen Symptomen übersteigt bei ihnen weit das Maß dessen, was Polizisten in solchen Situationen aufweisen, die in der Regel in ihrer Ausbildung darauf vorbereitet werden. 170 Kriegsreporter von CNN, BBC, Reuters, AP, ITN, CNC und des Rory Peck Trust, der freie Journalisten vertritt, wurden befragt und 80 Reporter in Kanada, die keinerlei Kriegserfahrung hatten, mit ihnen verglichen. Feinstein stellte weiterhin fest, dass Kriegsjournalisten dennoch kein höheres Maß an psychotherapeutischer Betreuung aufweisen. "Ein Beleg für eine Kultur des Schweigens, für den Glauben, dass diese Berufsgruppe in Kriege ziehen kann und ohne Schaden zurückkehrt" sagte er bei der Präsentation der Studie im April diesen Jahres. "Das ist doch total selbstverliebt" widersprach Zeitungskorrespondentin Janine di Giovanni, die für die Londoner Times in diversen Krisenregionen unterwegs war. "Die Menschen dort werden vergewaltigt, deren Dörfer werden zerstört, die Amputierten von Sierra Leone beispielsweise, das sind diejenigen, die wirklich traumatisiert sind. Wir gehen dort freiwillig hin und können auch wieder gehen, die aber nicht."

Mit dem 11. September scheint nun der Bedarf an Selbstbeschäftigung zum Wohle der besseren Berichterstattung weiter gestiegen. Mit Newscoverage Unlimited ist unter Vorsitz des CNN International Präsidenten Chris Cramer eine Selbsthilfeorganisation von Journalisten gegründet worden, mit dem Ziel sich bei Katastrophen- und Kriegsereignissen gegenseitig zu helfen, bei Recherche und Verarbeitung. Und auch Simpsons Center wird in New York bald ein Büro eröffnen. "So ganz genau ist noch nicht klar, was wir da machen. Aber der Bedarf unter all den vielen, vor allem auch freien Journalisten, nach Austausch über diese Anschläge ist enorm."


  • Dagmar Hovestädt
    Freie Journalistin in Los Angeles

 

Immer mehr Jounalisten leiden unter einer Posttraumatischen- Belastungsstörung PTBS, aber nur wenige finden

fachlich kompetente Therapeuten.

Hier finden Sie Hilfe, Beratung und Ressourcenorientierte Begleitung.

Vereinbaren Sie gern einen Termin zum Informationsgespräch.